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Totale Sonnenfinsternis in der Südtürkei

Kernschatten

Schon anfangs des Jahres 2005 hatten wir uns vorgenommen die totale Sonnenfinsternis in der Südtürkei zu erleben. In Verbindung mit einer Ferienwoche im für Touristen sehr gut erschlossenen Gebiet, kam uns die Gelegenheit als sehr willkommen vor. Wir haben deshalb die Reservation aufgrund des möglichen Ansturms von „Schaulustigen“ recht früh vorgenommen.

Gipfel bis 3'000 m

Mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 % die Finsternis bei klarem Himmel zu sehen, haben wir als Ferienort Göynük (6 km von Kemer) gewählt. Das „Art“-Hotel der Kette Otium wurde uns vom Reisebüro empfohlen. Durch das westlich angrenzende Taurus-Gebirge wird das Gebiet von Schlechtwetterfronten, ausgelöst durch feuchte Westströmungen, gut geschützt. Es kann mit dem Föhneffekt in der Nordschweiz bei Südwinden über die Alpen verglichen werden.

Bergsee bei Kemer

Die Flugzeit von 2 Stunden und 50 Minuten war verglichen mit der Gesamtreisezeit von ca. 10 Stunden, welche aus Bahnfahren, Warten, Anstehen, Einchecken, nochmals Warten, Busfahren, Hotelcheckin bestanden, verhältnismässig gering. Am Ankunftstag, dem 26. März 2006 am Morgen früh um 01.30 Uhr Ortszeit, war es bedeckt und hat sogar schwach geregnet. Die Temperaturen waren eher frisch und lagen weit unterhalb des Badewetterstandards.

Berghotel in Gölcük

Sichtlich erschöpft liessen wir alles Gepäck im Zimmer fallen und kippten ins Bett. Am 28. März 2006, also 1 Tag vor dem besonderen Naturschauspiel, mieteten wir uns einen Suzuki Samurai für 35 Euro am Tag mit unbegrenzter km-Leistung. Mit dem Wagen hatten wir vor, mit genügend Zeit einen idealen Platz für die Beobachtung zu finden. Die optimalsten Bedingungen um das Herannahen des Kernschattens zu erkennen, wären erhöhte Standorte, möglichst mit 360° Rundblick.

USA like !

Der Kernschatten bewegt sich mit ca. 700 m/s über das Gelände, was der Geschwindigkeit eines schnellen Überschallflugzeuges entspricht. Nach ca. 2 Stunden Fahrzeit mit dem hart gefederten „Jeep“ auf bockigen Strassen haben wir einen ersten Standort gefunden. Die Verbindungsstrasse zwischen Kemer und Kumluca führt durch gebirgige Gegend. Kurz bevor die Strasse Richtung Südwesten nach Kumluca bzw. der Südküste führt, entdeckten wir den Standort.

Mövenschwarm

Unmittelbar an der Hauptstrasse lag ein Restaurant mit Gartenwirtschaft und integriertem Souvenirladen. Wir merkten uns die Stelle und setzten unsere Fahrt weiter Richtung Küste fort. Nach kurzem Abstecher in der Stadt Kumluca fuhren wir in Richtung Küste und fanden einen zum Glück nur fast von Menschen verlassenen 10 km langen geraden Strandabschnitt in Mavikent. Diesen Ort erachteten wir als Alternative, falls im Berggebiet Wolken aufkommen könnten. Die Beobachtung einer Sonnenfinsternis an der Küste kann sehr wohl auch eindrücklich erscheinen.

Suzuki Samurai Bock

Erst jetzt haben wir festgestellt, dass die Allradfunktion entweder durch einen Vormieter verschlissen wurde. Da wir uns bewusst einen Allrad-Wagen gemietet hatten, wollten wir noch einige Meter oder Kilometer dem Strand entlang fahren. Eine Art provisorisch befestigte Küstenstrasse war angelegt worden, welche aber oft durch Sandabsenkungen unterbrochen war. Die ersten 3 „heiklen“ Stellen hatten wir ohne Probleme überwunden, wobei unsere abenteuerliche Fahrt nach ca. 300 m im tiefen Sand endete. Was soll’s, dachte ich als „virtuoser“ und „erfahrener“ Geländewagenfahrer und stellte manuell auf 4-Radantrieb im Kriechgang ein. Nach weiteren 5 Sekunden Durchdrehen der Hinterräder war die Karre letztendlich unwiderruflich eingesoffen. Erst jetzt haben wir festgestellt, dass die Allradfunktion vermutlich durch einen Vormieter verschlissen wurde.

Küste bei Mavikent

Möglicherweise haben die Vermieter diese Funktion in "weiser Voraussicht" vor unsachgemässer Behandlung entkoppelt. Auf jeden Fall mit Vorwärts oder Rückwärts, Unterlegen von Blechen, Hebel Hin und Her mit dem Versuch alle Kombinationsmöglichkeiten einmal probiert zu haben stand der Wagen einfach an Ort und Stelle. Der einzige Effekt war, dass sich das Wageninnere durch das offene Fenster mit Sand gefüllt hatte.

Hafen von Kemer

Das Sprichwort "Hilf Dir selbst so hilft Dir Gott" hat diesmal kläglich versagt. Da war doch vorher ein Bauer mit Traktor, welcher irgendwo herumgekurft ist, oder ? Entweder per Zufall oder (er hat es einfach vorausgesehen), fuhr der Mann mit Traktor unweit an uns vorbei. Auf mein Pfeiffen und das kräftige Winken von Krisztina näherte er sich jedoch schnurstracks mit einem verschmitzten Lächeln in seinem Gesicht. Der Name unseres willkommenen Retters war Mustafa.

Beobachtungspunkt

Für 5 YTL (früher 5'000'000 TL) oder ca. 5 sFr schob er unseren Wagen aus dem Loch. Ausser einem verbogenen Nummernschild hat alles andere diesen kurzen Eingriff heil überlebt. Wir wussten nun, dass das Fahrzeug, wie jedes andere auch, nur für Asphaltstrassen tauglich ist. Bei der Rückfahrt stoppten wir beim bereits vorgemerkten Restaurant. Die sehr gastfreundliche und herzliche Art dieser Menschen hatte uns im ersten Augenblick sehr überrascht.

Morgen in Göynük

Wir waren eher davon ausgegangen, dass die Türken sowieso alle nur auf den Inhalt unserer Geldbeutels aus sein werden. In abgelegenen Orten kommt aber oft die „Urmentalität“ der Einwohner zur Geltung und ist meist nicht vergleichbar mit den Verhaltensweisen von Menschen in Touristengebieten oder derjenigen der Immigranten. Nach 2 Tassen Kaffee und 2 Cola und offerierten frischen Orangen (wahrscheinlich aus eigenem Betrieb) kehrten wir ins Hotel zurück.

Augeschutz wichtig !

Am Morgen des Tages der Sonnenfinsternis war ein perfekter tiefblauer Himmel. Es hätte nicht besser sein können. Auch die unberechenbaren Wolken über dem Gebirge waren wie weggeblasen. Schon um 09.30 Uhr machten wir uns auf den Weg. Wir wollten die Finsternis vom ersten Kontakt bis zum 4. Kontakt vollständig miterleben und gegebenenfalls bei sich abzeichnenden Wetterpechs noch rechtzeitig reagieren können. Schon bei der Ankunft im Restaurant wurden wir überschwänglich begrüsst. Wahrscheinlich besuchen die meisten anderen Touristen jedes Ort nur einmal. Unsere Wiederkehr einen Tag später schien für die Leute sehr aussergewöhnlich gewesen zu sein, was mit einer herzlichen Begrüssung zum Ausdruck kam. Um 12.38 Uhr konnte unten rechts (südwestlich) an der Sonnescheibe der 1. Kontakt erkannt werden.

Touris in Mavikent

Dies zwar nur durch eine geringe Verformung der Sonnenscheibe. Es waren selbstverständlich die dazu benötigten Schutzmassnahmen (spezielle Brillen mit Folienfilter) einzuhalten. Um ca. 13:00, oh Schreck, näherten sich 4 Reisecars vollgestopft mit deutschen Touristen. Wie auf Kommando bezogen die Mitarbeiter des Restaurationsbetriebes ihre Stellung und begannen in vollem Tempo frisch gepressten Orangensaft herzustellen.

Türkischer Lebensstil

Die Hektik an unserem Standort legte sich um ca. 13:20 Uhr wieder, als die Busfahrer schon sichtlich nervös ihre „Schäfchen“ zum Einsteigen bewegten. Vermutlich hatte die Gesellschaft vor, die Sonnenfinsternis an der Küste zu besichtigen, was uns natürlich sehr entgegen kam. Um ca. 13:30 Uhr war schon mindestens 2/3 der scheinbaren Sonnenoberfläche durch den Mond abgedeckt. Dies machte sich schon deutlich bemerkbar indem das Licht irgendwie anders, zwar noch hell genug, aber einfach irgendwie anders, erschien.

ohne Worte

Wir konnten auch bereits die ersten Anzeichen der Temperaturabsenkung spüren. Einige kleine Wolken bildeten sich, worauf bei mir etwas Nervosität ausgelöst wurde. Doch im Bereich der Sonne schien es so, dass wir Glück haben werden, das ganze Schauspiel bei freiem Himmel zu bewundern. Die türkische Familie zeigte ebenfalls sehr grosses Interesse an der Sonnenfinsternis, als sie unsere Unterlagen mit Bildern auf dem Tisch sahen. Mit unseren, und später ihren eigenen Filterbrillen, beobachteten Sie das Geschehen.

Vor dem 2. Kontakt

In der Hoffnung den heraneilenden Kernschatten zu erkennen, setzten wir uns einige Schritte vom Restaurant entfernt auf herumliegende Steine und warteten. Ca. 1 Minute vor dem zweiten Kontakt (Totalität) entstand eine Lichtstimmung wie sie vor dem Jahrtausend-Gewitter nicht übertroffen werden könnte. Kein Wunder wurden die Menschen vor mehr als Tausend Jahren durch solche Sonnenfinsternisse massiv verängstigt, sodass sogar Schlachten unterbrochen und Frieden geschlossen wurde.

Der Weltuntergang ?

Um ca. 13:56 Uhr, wie wenn eine höhere Macht mit einem „Dimmer“ das Licht ausdreht, war der 2. Kontakt erreicht. Der heraneilende Schatten hatten wir zwar übersehen oder verpasst, aber was darauf folgte war total überwältigend. Die nahe Umgebung lag in einem diffusen Licht, was mit der Stimmung, kurz vor Ende Dämmerung verglichen werden konnte. Einige Handbreiten südwestlich der Sonne kam die Venus zum Vorschein. Der Himmel wurde dunkelblau und weitere Sterne konnten erkannt werden.

Sonne hoch am Himmel

Um die Sonne herum erschien die Korona, das 1'000'000 K heisse Plasma. Das Bild mit der von der Korona umgebenen schwarzen Scheibe war ungewohnt und eindrücklich. Die meisten Vögel wurden merklich ruhig, während einzig die Amseln ihr verfrühter Abendgesang einstimmten. In der nahe gelegenen Stadt brannte die Strassenbeleuchtung. Ein Polizeiauto hielt an und die Beamten bewunderten ebenso dieses seltene aber überwältigende Naturschauspiel. Es blieben nun einige Minuten Zeit um Fotos zu schiessen. Entlang des gesamten Horizontes (360° !) entstand ein Licht, welches sonst ca. 15 Minuten nach Sonnenuntergang bzw. vor Sonnenaufgang sichtbar ist. Das spezielle am Ganzen war, dass eine Art Dämmerlicht im ganzen Umkreis des Horizontes gleichzeitig gesehen werden konnte.

1:1000, Blende 5.6

Aufgrund des beschränkten Durchmessers des Kernschattens (ca. 160 km) reflektierten die Gebiete in einem Radius von ca. 80 km das Licht zum Himmel, was zu diesem 360°-Dämmerungseffekt führte. Nach 3 Minuten und 40 Sekunden des "Stillstandes der Natur" und der Weltuntergangstimmung wurde das Licht wieder angedreht. Der dritte Kontakt war um 13:59 Uhr erfolgt. Der in Richtung Nordost verschwindende Kernschatten haben wir nochmals, wahrscheinlich knapp, verpasst.

1:125, Blende 5.6

Die » Sonnenkorona (Corona=Kranz, Krone) ist die sehr dünne "Atmosphäre" der Sonne, deren schwaches Leuchten man freiäugig nur bei einer totalen Sonnenfinsternis sieht. Dieser zarte Strahlenkranz reicht um 1-2 Sonnenradien nach außen und stellt eine erste Übergangszone von der Sonne zum interplanetaren Raum dar. Den inneren Teil können Astronomen mit speziellen Messinstrumenten (Koronograf) auch ohne die Hilfe des Mondes ausnehmen.

360° Dämmerung

Es folgte darauf wieder diese Jahrtausend Gewitter Stimmung. Die Temperaturen waren nun mindestens 5° tiefer wie zu Beginn des ersten Kontaktes. Die Schattenwürfe am Boden waren aufgrund der noch fast punktförmigen Lichtquelle sehr scharfkantig, sodass man tatsächlich jedes einzelne (!) Kopfhaar erkennen konnte. Ein kurzer Check der Fotos auf der Digital-Kamera zeigt uns, dass doch einige davon etwas geworden zu sein schienen.

Sonnenkorona

Dieses Foto habe ich nachträglich vom Internet geklaut, weil es sicher mit einem besseren Instrument aufgenommen wurde. Die Sonne hat ungefähr den 100 fachen Durchmesser der Erde. Schon eine kleine Protuberanz (Ausstoss von Gasen) würde die vergleichsweise mikrige Erde glatt verschlingen. Am Anfang dieser Seite wird der Grössenunterschied anhand einer selbstgebastelten Fotomontage deutlich gemacht. Sonnenfinsternisse können aufgrund des variablen Abstandes des Mondes von der Erde bis über 6 Minuten dauern. Befindet sich der Mond in Erdferne, entsteht "nur" eine ringförmige Sonnenfinsternis.

Verlauf Kernschatten

Den 4. Kontakt haben wir nicht mehr abgewartet, verabschiedeten uns bei der türkischen Familie und kehrten zurück nach Göynük. Der Kernschatten lag zu dieser Zeit bereits weit oben im Norden in Sibirien. Was an diesem Abenteuer hängen geblieben ist, wird das Warten auf die » nächste Gelegenheit eine Totale Sonnefinsternis beobachten zu dürfen sein. Es dauert aber leider noch sehr lange und man muss viel weiter dafür reisen ! » Voraussagen auf der Page der NASA.